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Wahnsinnsquoten und Geldgeschlechter

Wo bleibt der Aufschrei, wenn sich Geld- und Hodensäcke über Frauenförderung und Meinungsdeppen über Gender auslassen? Von Barbara Kirchner

 

Ich werde wahrscheinlich bald verrückt, denn ich bin eine Frau. Als Anlaß zum Verrücktwerden reicht da wenig – vielleicht ein weiterer gehörter oder gelesener Satz darüber, wie begeistert sich die Jungs in den 30 Dax-Konzernen gerade gegenseitig dafür auf die Schultern klopfen, daß es ihnen gelungen ist, den Anteil der weiblichen Führungskräfte am Standort Deutschland zwischen 2011 und 2013 sage und schreibe zu verdoppeln – es sind jetzt 14 von 189 Vorstandzombies, Hosianna.

Sagt es noch mal, schreibt es noch mal hin. Dann drehe ich durch, weil ich eine Frau bin. Das ist keine lustige Übertreibung. Das ist eine statistische Wahrheit: Im Schnitt drehen in der Bundesrepublik mehr Frauen als Männer durch. Insgesamt 31 Prozent der Menschen, die man täglich in der Stadt rumlaufen sieht, spinnen irgendwann. Das ist aber nicht gleichmäßig verteilt: 37 Prozent der weiblichen, jedoch nur 25 Prozent der männlichen Jammergestalten verlieren früher oder später entweder vorübergehend oder auf Dauer den Verstand.

In letzter Zeit holen die Männchen angeblich auf. Jedenfalls steht das in »Spiegel«, »Zeit« und »Deutsche Stimme«: Das ganze Genderzeug verunsichert die Männchen, im Kindergarten und in der Schule werden sie, wenn sie klein sind, nicht mehr richtig gefördert.

Die wahnbegünstigenden Faktoren bei den Weibchen sind älter: Hormone, wirtschaftliche Benachteiligung, schlechte psychosexuelle Aussichten. Wie viele ältere Frauen, und seien es Dax-Dominas in voller Montur, können sich erlauben, mit jungen Partnern oder Partnerinnen auf die Piste zu gehen, wie das ältere Männer gewohnheitsmäßig tun? Klar, auch bei den Männchen schaffen das nur die mit genügend Geld und Status, aber nicht mal diese beiden nützen der reifen Frau. Wirft sie sich dann auf Aufstieg als Ausgleich und Ziel in sich selbst, muß sie zwar nicht ewig so aussehen, daß sie dem Vorgesetzten gefällt, aber gehen lassen darf sie sich trotzdem nicht.

In meinem Busineß, den Naturwissenschaften, kenne ich zwar schlicht zu wenige Frauen, um ein genügend großes statistisches Sample untersuchen zu können. Aber wenn ich mir beispielsweise die Kultur- und Infobranche anschaue, in der viele meiner Bekannten (mit beiderlei zugelassenen Toilettenkennzeichen) tätig sind, fällt doch sehr auf: Der einsame Karrierist kann sich wenigstens im Kampf um den Posten als Cheflektor, Kurator oder leitender Redakteur mit schlechtem Essen vollstopfen, bis er unter Hochdruck kaputtgeht, an der Front, in seinen Stiefeln. Die einsame Karrieristin dagegen fällt sofort die mühsam bezwungene Leiter runter, wenn sie im Erfolgsrausch ein paar Mandelhörnchen zuviel verputzt. Dicke Chefs überall, dicke Chefinnen fast nirgends.

Während der letzten Frauenfußball-WM mußte ich aus komplizierten Gründen ein Dreiviertel-Wochenende mit einem Trupp Qualitätszeitungsfeuilletonmenschen verbringen. Es war nicht der Inhalt des Small-talk-Gedibbers als solcher, der mich die Wand hochtrieb. Es war die absolute Vorhersehbarkeit und monotone endlose Wiederholung bei gleichzeitiger felsenfester Überzeugung der armen Schwätzer, etwas jeweils absolut Mutiges und Seltenes und unbeugsam Selbsterkanntes von sich zu geben. Wieder elf Meter näher an den 37 Prozent Verrücktinnen, dachte ich, als ich wieder und wieder und wieder Sachen hören durfte wie: »Das ist natürlich wichtig für die Gleichberechtigung, aber Frauen beim Fußballspielen sehen einfach nicht gut aus«, »Bei Männern auf dem Rasen denkt man nicht sofort, sie sind schwul, bei Frauen ist aber klar, die meisten sind lesbisch«, »Frauenfußball hat so was Bemühtes«, »Es ist unästhetisch«, »es befremdet«, »ich schau nicht gerne zu«.

Na, dann laß es doch. Der Unterton war’s, der den Ekel reizte: Ach, unser gutes Herz und die politische Korrektheit zwingen uns, da hinzugucken und uns darüber zu äußern, denn man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen etc. usw. – Quengeln als neueste Männlichkeit. Dieses Quengeln ist das, was von den gröberen gesellschaftlichen Sexismen als sozusagen sublimierte, in Form von Düften und Dunst gebrachte Geistesnebelhaftigkeit in linksliberalen Meinungsgemeinschaften die Atmosphäre durchstinkt. Man hört und riecht das dann auf Ausstellungseröffnungen, nach Lesungen, auf offiziellen oder inoffiziellen universitären Veranstaltungen, ja sogar an irgendwie politisch fortschrittlich gemeinten Abenden.

Ein Typ wie Harald Martenstein, der dieses Quengeln in Essays gießt, die die halbe Brillennation liest, ist tausendmal gefährlicher als Eva Herman. In die »Zeit« darf er schreiben, diese ganze neumoderne Gendertheorie sei so etwas ähnliches wie Kreationismus, weil ja die Bibelwahnsinnigen die Evolution leugnen und diese komischen Akademiefrauen das biologische Geschlecht, das die Brillennation wie jede andere teilt, was man anders als Ulbrichts berühmtes Bauwerk auch ganz in Ordnung finden soll.

Niemand lacht. Niemand fragt nach, in welches Gen der alte Darwin eigentlich damals das Abtreibungsverbot, heute weltweite Lohndiskriminierung, Ausbildungsgefälle oder den »War on Women« der amerikanischen republikanischen Partei geschrieben hat, die Rollenverteilung der in der Neuzeit aufgekommenen romantischen Liebe, das historische Scheidungsrecht und all die andere Scheiße, von der die Bienen, die Blumen und Harald Martenstein nichts wissen.

Klar, meistens verstehe ich bei Judith Butler und solchen Leuten auch bloß die Hälfte, nämlich die langweilige. Aber daß Helmut Schmidts albernes Mistblatt sich einen Martenstein hält, der auf der Titelseite verkündet, es sei das Kreuz der Gegenwart, daß die armen Jungs zu Mädchen gemacht werden und die armen Mädchen zu Jungs, daran ist zweierlei Schlimmes: Erstens eine ästhetische Unverschämtheit – von welchem Planeten kommt denn dieser Kasper, daß er nicht weiß, was alle einigermaßen wichtige abendländische Kunst seit der Renaissance gewußt hat, nämlich daß die schönsten jungen Frauen selbstverständlich (am liebsten würde ich schreiben: natürlich) aussehen wie junge Männer und die schönsten jungen Männer aussehen wie junge Frauen? Das Schönste an der Jugend in der besten abendländischen Kunst seit der Renaissance bis hin zu Pop war schließlich immer, daß die Körper und Gesichter bei jungen Menschen eben noch wissen, sie bieten und suchen viel zu viele Möglichkeiten der Lust, als daß sie dazu aufgelegt wären, sich an irgendeinen bescheuerten Heirats- oder Prostitutionsmarkt wegzuwerfen.

Zweitens aber fragt sich, warum nicht sofort die Forschungspolizei kommt und den Martenstein zu den 25 Prozent durchgedrehten Männern packt, wenn er im vollen, lächerlichen Ernst einen kreischenden Blödsinn schreibt wie: »In Wirklichkeit ist die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, daß Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zweimal das gleiche Modell entwickeln? Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines ›besser‹ als das andere.«

An welchem Brettergymnasium ist der Bub gescheitert? Seit wann ist ein schwachsinniger Zirkelschluß (»es muß so sein, wie es wurde, sonst wäre es anders«) ein Argument, und auch noch ein wissenschaftliches? Was hat ein Mensch von der Evolution begriffen, der die Nichtgeschlechtlichkeit vieler Spezies, das Zwitterwesen und Verwandtes, falls der zitierte Quatsch stimmen würde, wohl mit den Worten erklären müßte: »In Wirklichkeit sind fixe Geschlechter evolutionär gesehen barer Unsinn, sonst hätten die Pantoffeltierchen nicht so lange ohne überlebt, sonst könnten sich weibliche Lippfische nicht bei Bedarf in Männchen verwandeln und männliche Clownfische nicht in Weibchen, es brächte ja nichts.«

Gegen diesen suggestiven Schleim, der so tut, als hätte die Evolution immer recht, ohne zu wissen, was Evolution überhaupt ist, der aber stets unausgesprochen unterstellt, diese Evolution sei eine Art Subjekt, das denken und planen und Zwecke setzen und erfüllen kann, gegen dieses Zeug, das vielleicht in weniger expliziter Form, aber tendenzgleich täglich durch Unmengen sexistischer und homophober Äußerungen weltweit geistert, gegen diese Hetze, die »Evolution« sagt und nichts anderes meint als »Gott« (nur daß sie es nicht mit der Bibel hat, denn die müßte man dann ja immerhin lesen) – gegen diesen Schmutz ist mir jede militant wissenschaftsfeindliche crazy Dekonstruktivistin lieber, die glaubt, Naturwissenschaft sei eine Verschwörung von Mackern in weißen Kitteln (wir sehen uns bei den 37 Prozent, Schwester).

Worauf ich hinauswill? Natur- und geisteswissenschaftliche Halbbildung, flankiert von einer Weinerlichkeit, die früher Friedenspfaffen schmückte, ist die neue Vulgärreligion für Meinungsdeppen der Informationsgesellschaft. Wie kämpft man gegen Religion, die neue und die alte?

In der »New York Review of Books« vom 11. Juli 2013 ist ein Foto von hohem Inspirationswert abgedruckt. Man sieht darauf vier mit dem Niqab verschleierte Frauen in Tunis, die sich im Januar 2012 vor einem Transparent haben fotografieren lassen. Auf dem Transparent wird laut Bildunterschrift gefordert: »Frauen, die den Niqab tragen, sollen studieren und Prüfungen ablegen dürfen. Gebetsräume stehen weiblichen wie männlichen Studierenden zu.«

Wer nun von diesen vier Frauen verlangt, sie möchten gefälligst ihre Schleier verbrennen und nackt vor der Moschee demonstrieren, soll nach Tunis fahren und mit gutem Beispiel vorangehen. Was sie statt solcher Faxen machen, ist, was man immer machen muß, wenn die Lage schlecht ist: Sie arbeiten mit dem, was da ist, um Bedingungen herzustellen, auf denen sich die Auseinandersetzung verbessert, erweitert, radikalisiert weiterführen läßt.

Wenn die Religiösen von Geboten, Rechten, Pflichten reden wollen, dann muß man mit ihnen so davon reden, daß ihnen der Spaß vergeht. Wenn Martenstein wirres Zeug von Tatsachen und Wissenschaft spinnt, muß man ihm Tatsachen und Wissenschaft beibringen. Wenn die Geld- und Hodensäcke in den Vorständen davon reden, sie wären bereit, ihre Alphamännchenprivilegien abzugeben, nehme man sie beim Wort.

25 Prozent, 37 Prozent, was soll’s? Don’t get mad – get even.

 

Kürzlich ist eine Neuausgabe von Barbara Kirchners Roman Die verbesserte Frau (Verbrecher-Verlag) erschienen

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